LESEPROBE AUS: DIE JUGEND EINER DEUTSCHEN
Der Schulwechsel

"Im 4. Schuljahr bekam ich einen Klassenlehrer, der mich nicht mochte. Er trank viel, war unbeherrscht und schlug uns Schüler. Wir nannten in "Schlagender Esel", weil er bei seinen Wutausbrüchen die Kinder aus der Bank zerrte und gegen den großen Kachelofen war.
Im Biologieunterricht sprachen wir über Tuberkulose und den schlechten Einfluss des Alkohols auf diese Krankheit. Er rief mich auf und fragte, welchen schlechten Einfluss der Alkohol hätte. Ich sagte: "Er viel Alkohol trinkt, verliert den Verstand". Wahrscheinlich hatte er das auf sich bezogen, denn so wütend hatte ich ihn noch nie gesehen. Er zerrte mich aus der Bank und schlug mich so heftig gegen den Kachelofen, dass ich mit einem blauen Auge, einer riesigen Beule und fürchterlichen Kopfschmerzen nach Hause kam.
Meine Mutter, die im Leben für alles zuständig war, ließ sich den Hergang von mir erzählen und sagte nur: "Nun ist es aber genug, du kommt da weg, und wenn ich zum Deiwel gehen muss!"
Zum Deiwel ging sie nciht, aber zum Direktor unserer Schule. Sie schilderte den Hergang meiner Verletzung und zeigte alle Hefte, um nachzuweisen, wie ungerecht er mich immer benotet hatte. Der Direktor hörte sich alles an und sagte zu meiner Mutter: "Sie haben vollkommen Recht mit Ihrer Beschwerde, es waren schon viele Eltern da, aber wir können leider nichts machen. Der gute Mann ist ein hohes Tier bei der Partei, und so sind wir machtlos!"
Meine Mutti ließ nicht locker, und so sagte er zum Schluss, vielleicht auch nur, um sie loszuwerden, die einzige Möglichkeit wäre, innerhalb der Stadt umzuziehen, dann könnte ich nach Straßenlage in eine andere Schule gehen. Das war aber bei der großen Wohnungsnot ganz unmöglich. Meine Mutter ist zeitlebens aus jedem Dilemma rausgekommen, so auch aus diesem.
In Oliva gab es zwei Kirchen, die Kathedrale und die ehemals protestantische Kirche am Wald. Nach dem Krieg wurde die Kirche katholisch, es gab auch kaum noch Protestanten im Lande, und es zog dort der Orden der Zisterzienser mit drei Patres ein, bei denen Mutti eine Anstellung als Organistin erhielt. Die Kirche hatte eine große Orgelempore, auf der immer viele musikliebende Polen saßen, die sich manchmal zum Schluss des Gottesdienstes ein besonderes Musikstück von meiner Mutter wünschten. Eine der glübigen Damen, die auch schon gelegentlich einen Extrawunsch geäußert hatte, war Pani Mazurowicz, die Direktorin des Lizeum in Oliva. Ihr schilderte Mutti unsere missliche Situation, und siehe da, es gab einen Ausweg. Wir sollten Freunde finden, bei denen ich quasi in Zukunft wohnen würde und die bereit wären, dies bei einer eventuellen Nachfrage der Behörden auch zu bezeugen. Alles andere wollte die Direktorin schon regeln, samt der fingierten Anmeldung. In Polen konnte man so manches erledigen, wenn die entsprechenden Leute ein sogenanntes Handgeld erhielten. Es glückte!
Am ersten Tag in der neuen Schule war ich glücklich, bis zu der Zeit, als ein hübsches, kleines, blondes Mädchen mit zwei dicken Zöpfe mich ansprach und fragte: "Wo wohnst Du?" Ich gab ihr meine neue Adresse an, worauf sie sagte: "O fein, dann haben wir ja den gleichen Schulweg!"
Es half alles nichts, ich musste lange Zeit immer eine Stunde, bevor mich Teresa Podgorska zum gemeinsamen Schulweg abholte, zu unseren Freunden gehen, um vorzutäuschen, dass ich dort wohne. Beim Rückweg galt das gleiche Spiel.
Teresa wurde übrigens meine beste polnisch sprechende Freundin, und die Freundschaft dauert bis heute an. Ihr Vater war amtlich im KZ verstorben, und für ihre Mutter war es nicht leicht, zwei Kinder in diesen schweren Zeiten alleine durchzubringen. Trotzdem durfte ich, als ehemalige Deutsche, zu ihnen nach Hause zum Spielen kommen, denn ihre Mutter hatte die Einstellung, dass nicht alle Deutschen an ihrem schweren Schicksal Schuld trugen, wie übrigens viele Polen, denen wir im Leben begegnet sind. Fast jedes Kind in meiner Klasse hatte ein Familienmitglied durch das Hitlerregime verloren; ich wundere mich noch heute, dass sie mich dies an ihrem Verhalten nicht spüren ließen."



Brigitte Wehrmeyer-Janca: Die Jugend einer Deutschen in Polen. Danziger Episoden von 1938-1958

Auszug aus:

Brigitte Wehrmeyer-Janca:
Die Jugend einer Deutschen in Polen
Danziger Episoden von 1938-1958

123 Seiten, 35 Abbildungen; in deutscher und polnischer Sprache erschienen;
ISBN 3-00 01 86 06-9 (Marpress-Verlag)

Für 9.90 € + Versandkosten erhältlich bei:
Brigitte Wehrmeyer-Janca
Dahlienstr. 11
47800 Krefeld
Tel./ Fax (02151) 59 88 43


Druckbare Version